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Wie viele offene Tickets sind normal? Warum die Zahl allein nichts sagt

9. August 2026 · 6 min read

Wie viele offene Tickets sind normal? Warum die Zahl allein nichts sagt

Kurzantwort: Es gibt keine sinnvolle Normzahl für offene Tickets. Ein Bestand ist nur im Verhältnis zum Durchsatz interpretierbar. 200 offene Tickets, die im Schnitt drei Tage alt sind, sind ein gesunder Rückstand. 40 offene Tickets, die 200 Tage alt sind, sind ein Friedhof. Die aussagekräftigen Größen sind Alter, Zulauf gegen Abfluss und die Frage, wo sich die Langlieger konzentrieren.

Die Frage wird trotzdem ständig gestellt, und das aus einem nachvollziehbaren Grund: Der Bestand ist die einzige Zahl, die jedes ITSM-Tool auf der Startseite zeigt. Sie ist sofort verfügbar und wirkt vergleichbar. Beides täuscht.

Warum eine Normzahl nicht existieren kann

Der Bestand hängt an drei Größen, die zwischen Organisationen um Größenordnungen auseinanderliegen: Zulauf pro Woche, durchschnittliche Bearbeitungsdauer und Teamgröße.

Little's Law beschreibt den Zusammenhang: Der durchschnittliche Bestand entspricht der Ankunftsrate multipliziert mit der durchschnittlichen Durchlaufzeit.

Bestand = Zulauf pro Zeiteinheit × Durchlaufzeit

Ein Service Desk mit 400 Tickets pro Woche und zwei Tagen Durchlaufzeit trägt rechnerisch rund 160 offene Vorgänge. Derselbe Bestand bei 80 Tickets pro Woche bedeutet zehn Tage Durchlaufzeit. Gleiche Zahl, völlig anderer Zustand.

Wer also einen Vergleichswert sucht, muss ihn auf den eigenen Zulauf beziehen. Ein Fremd-Benchmark ohne diese Normierung vergleicht Äpfel mit Wochen.

Die drei Fragen, die tatsächlich etwas sagen

1. Wächst der Bestand oder atmet er?

Zählen Sie über acht Wochen den wöchentlichen Zulauf gegen die wöchentlichen Abschlüsse. Ein Bestand, der um denselben Mittelwert schwankt, ist gesund, egal wie hoch er liegt. Ein Bestand, der jede Woche um denselben Betrag wächst, hat ein strukturelles Defizit: Es kommt dauerhaft mehr herein als heraus.

Das ist kein Personalproblem, solange die Differenz klein ist. Es ist eines, sobald sie konstant bleibt. Denn ein konstantes Defizit summiert sich linear auf, und die Wartezeit der zuletzt eingegangenen Tickets wächst mit.

2. Wie alt ist der Bestand?

Sortieren Sie die offenen Vorgänge nach Alter und sehen Sie sich die Verteilung an, nicht den Mittelwert. Der Mittelwert verdeckt genau das, was zählt.

Typischerweise entsteht eine zweigipflige Verteilung: eine große Gruppe junger Tickets, die normal durchläuft, und eine kleine Gruppe sehr alter Vorgänge, die sich nicht bewegt. Diese zweite Gruppe ist der Friedhof. Sie ist selten groß und fast immer teuer, weil jeder dieser Vorgänge irgendwann noch einmal angefasst, neu eingelesen und neu bewertet wird.

Eine belastbare Kennzahl daraus: der Anteil des Bestands, der älter ist als das Dreifache Ihrer eigenen Median-Durchlaufzeit. Diese Schwelle stammt aus Ihren Daten, nicht aus einer Branchentabelle.

3. Wo konzentrieren sich die Langlieger?

Das ist die Frage, die ein Alters-Sort nicht beantwortet und die den Unterschied macht. Friedhöfe entstehen nicht gleichmäßig verteilt. Sie klumpen.

In der Praxis sammeln sie sich an drei Stellen:

  • In einer Kategorie, die niemand mag. Fachlich unklar, oft mit Rückfragen verbunden, kein natürlicher Eigentümer. Sie wird routinemäßig hinten angestellt.
  • In der Lücke zwischen zwei Teams. Der Vorgang wurde übergeben, aber nie angenommen. Formal zugewiesen, faktisch herrenlos.
  • In Wartezuständen ohne Besitzer. Ein Ticket geht auf Hold, weil eine Rückmeldung aussteht. Die Rückmeldung kommt nie, und niemand prüft nach.

Alle drei sind strukturell, nicht persönlich. Niemand entscheidet sich morgens, ein Ticket 200 Tage liegen zu lassen. Die Struktur entscheidet es.

Was der Bestand kostet, wenn er altert

Ein alter Vorgang ist nicht einfach ein später gelöster Vorgang. Er ist ein teurerer.

Jede Wiederaufnahme kostet Einlesezeit. Der Bearbeiter ist oft nicht mehr derselbe. Der Kontext aus der ursprünglichen Meldung ist verloren, der Melder hat sich umorientiert oder nachgefragt, und die Priorität muss neu verhandelt werden. Diese Nebenkosten tauchen in keiner Durchlaufzeit auf, weil sie sich auf mehrere Berührungen verteilen.

Rechnen Sie es an Ihrem eigenen Fall durch: Bei einem internen Stundensatz von 50 Euro kostet jede zusätzliche halbe Stunde Wiedereinarbeitung 25 Euro pro Berührung. Ein Vorgang, der fünfmal angefasst wird, bevor er schließt, trägt 125 Euro Reibung, die in keiner Ticketstatistik steht.

Die Zahlen sind Ihre eigenen. Der Rechenweg ist der Punkt.

Ein Vorgehen für die nächste Stunde

  1. Exportieren Sie alle offenen Vorgänge mit Anlagedatum, Kategorie, aktueller Zuweisung und letzter Statusänderung.
  2. Bilden Sie die Altersverteilung in Wochenschritten. Sehen Sie sich an, wo der zweite Gipfel liegt.
  3. Nehmen Sie nur die Vorgänge oberhalb dieser Schwelle und gruppieren Sie sie nach Kategorie, nach zuletzt zuständiger Rolle und nach Status.
  4. Sehen Sie sich die drei größten Gruppen an. Fast immer erklären sie mehr als die Hälfte des Friedhofs.

Was Sie danach in der Hand haben, ist keine Bestandszahl mehr, sondern eine Adresse: eine Kategorie, eine Rolle, eine Übergabe. Damit lässt sich etwas entscheiden.

Wie Process Radar diesen Schritt abkürzt

Die Muster stehen bereits in Ihren Ticketdaten. Der aufwendige Teil ist nicht die Analyse, sondern das Zusammenführen von Zuweisungshistorie, Statuswechseln und Kategorien über alle Teams hinweg.

Process Radar liest diese Historie aus zwei Exporten Ihres ITSM-Tools und benennt, wo die Alterung sich konzentriert: welche Rolle, welche Kategorie, welche Übergabe, mit den gebundenen Stunden dahinter. Als Befund mit Adressat, ohne Schuldzuweisung.

Wer den eigenen Stand grob einordnen will, bevor er Daten exportiert, kann den ITSM Health Check nutzen: fünf Eingaben, vier Ergebnis-Dimensionen, keine Registrierung.

Häufige Fragen

Gibt es einen Richtwert für offene Tickets pro Mitarbeiter? Nein, der aus sich heraus trägt. Sinnvoll ist nur das Verhältnis von Bestand zu wöchentlichem Zulauf. Liegt der Bestand über dem Zwei- bis Dreifachen des Wochenzulaufs, arbeitet der Desk faktisch mit mehreren Wochen Vorlauf, und die Wartezeit dominiert die Durchlaufzeit.

Sollten wir alte Tickets einfach schließen? Ein Massenschluss beseitigt die Zahl und nicht die Ursache. Die Vorgänge kommen als Neumeldung zurück, jetzt ohne Historie. Sinnvoller ist, die drei größten Konzentrationen zu adressieren und erst danach zu bereinigen, was tatsächlich erledigt ist.

Was ist wichtiger, Bestand oder Durchlaufzeit? Beide beschreiben denselben Sachverhalt aus zwei Richtungen, verknüpft über den Zulauf. Wer den Zulauf kennt, kann die eine Größe aus der anderen ableiten. Wer ihn nicht kennt, kann keine der beiden interpretieren.

Wie alt darf das älteste offene Ticket sein? Es gibt keine Obergrenze aus dem Regelwerk. Aber jeder Vorgang oberhalb des Dreifachen Ihrer Median-Durchlaufzeit verdient eine Begründung, warum er noch offen ist. Fehlt diese Begründung, ist er kein Rückstand mehr, sondern ein blinder Fleck.

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